Die Reederei Woermann

Die Woermann-Linie

Zwischen 1885 und 1941 fuhren für die Reederei Afrikanische Dampfschiffs-Actiengesellschaft Woermann-Linie Schiffe mit Handelswaren, aber auch mit deutschen Soldaten, militärischem Gerät sowie versklavten Menschen als Fracht von Deutschland in die deutschen Kolonien auf dem afrikanischen Kontinent. Diese Woermann-Linie machte ihren Inhaber, Adolph Woermann, zum größten Privatreeder der Welt und dem reichsten deutschen Kaufmann im Handel mit Westafrika. Diesen wirtschaftlichen Erfolg sicherte sich Woermann durch die Ausbeutung von Zwangsarbeiter*innen im heutigen Namibia, damals „Deutsch-Südwestafrika“.

Kolonialer Handel als Familientradition

Obwohl die Reederei erst im Jahre 1885 gegründet wurde, fuhren unter dem Namen Woermann schon gut 40 Jahre früher Segelboote nach Westafrika. Carl Woermann war Inhaber der Firma C.Woermann, welche mit Leinen, Kautschuk und Branntwein in Westafrika handelte. Sein Sohn Adolph, übernahm die Firma 1880 vollständig. Als er 1885 die Woermann-Linie gründete, war Adolph Woermann kein unbekannter Mann mehr. Er war Mitglied und zeitweise sogar Vorsitz der Hamburger Handelskammer, Reichstagsabgeordneter und später –ab 1890– Mitglied des Deutschen Kolonialrates, einem politischen Gremium welches über die Politik in den Kolonien Deutschlands entscheidet. Kurzum: Adolph Woermann war schon vor der Gründung seiner Reederei ein einflussreicher Mann in Politik und Wirtschaft. Seinen Einfluss machte er besonders auf die deutsche Kolonialpolitik geltend: So überzeugte er in persönlichen Gesprächen den damaligen Reichskanzler Otto von Bismarck davon, Kamerun zu einer deutschen Kolonie zu machen. Woermann besaß nämlich bereits seit 1860 einen Handelsposten in Kamerun und wollte dort mit Palmöl, aber besonders mit Branntwein handeln. Woermann selbst brachte die Bevölkerung in Kamerun dazu, fragwürdige „Schutzverträge“ zu unterzeichnen, welche ihr Land gewaltsam unter die deutsche Flagge stellten. Woermanns tiefe Verstrickung in den Handel mit Branntwein, den Verkauf von Alkohol in den Kolonien, wurde schon damals kritisch kommentiert. Der Reichstagsabgeordnete August Bebel bemerkte 1894, die Branntwein-Händler würden den Alkohol als Lockmittel nutzen um die afrikanische Bevölkerung dazu zu bringen für sie zu arbeiten, sich an sie zu verkaufen und in jeder Weise sich von ihnen ausbeuten zu lassen.“ Adolph Woermann verkehrte den schädlichen Einfluss seines Branntweinhandels in einen Schritt zur „Aufklärung“ der Kolonie indem er erwiderte: „Ich meine, dass es da, wo man Zivilisation schaffen will, hier und da eines scharfen Reizmittels bedarf…“

Die Gründung und die Aktivitäten der Woermann-Linie

Die detaillierte Gründungsgeschichte der Woermann-Linie ist komplex, da sie die Gründungen einiger Schwester-Gesellschaften und Übernahmen durch andere Reedereien beinhaltet. 1885 gründete Adolph Woermann die Woermann-Linie als eigenes Unternehmen und befuhr mit den „Woermann-Dampfern“ zuerst Nigeria und Kamerun, ab 1891 „Deutsch-Südwestafrika“ – das heutige Namibia – und ab 1896 die gesamte westafrikanische Küste. Ab 1890 fuhr Woermann auch die damalige Kolonie „Deutsch-Ostafrika“ – heute Tansania, Burundi, Ruanda und Teile Mosambiks – an, allerdings unter einem anderen Namen. Diese „Deutsche Ost-Afrika Linie“ (DOAL) wurde mit Unterstützung der deutschen Reichsregierung und anderer Teilhaber gegründet, unterstand aber letztendlich auch Adolph Woermann selbst.

Im gleichen Jahr machte Woermann auch wegen anderen Vorkommnissen von sich reden: Gemeinsam mit dem Hamburger Handelshaus Woelber & Brohm transportierte er versklavte Menschen von Togo nach Kongo, wo diese zum Bau von Eisenbahnlinien gezwungen wurden. Die gewalttätigen und skrupellosen Handelspraxen der Woermann-Linie wurden besonders in den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts offensichtlich, während des Aufstandes der Ovaherero und Nama im damaligen „Deutsch-Südwestafrika“.

Woermann als Profiteur des Genozids in „Deutsch-Südwestafrika“

Im Januar 1904 rief Samuel Maharero die Ovaherero in „Deutsch-Südwestafrika“ dazu auf, sich gegen die rassistische Diskriminierung und gewaltsame Unterdrückung durch das deutsche Kolonialregime zu erheben – ungefähr ein halbes Jahr später wurde der Aufstand auch von den Nama unterstützt. Ende 1904 wurden die Ovaherero in einer Schlacht von deutschen Truppen geschlagen und flohen in die naheliegende Omaheke-Wüste. Der deutsche Oberkommandant Lothar von Trotha riegelte die Wüste ab, um alle überlebenden Herero zu vernichten. Im Oktober 1904 ließ er verlauten: „Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber und Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volk zurück, oder lasse auf sie schießen“. Von Trotha gab so den Befehl zum Völkermord an der namibischen Bevölkerung.

Während der Konflikt mit den Ovaherero und Nama bis 1908 andauerte, baute die deutsche Kolonialregierung bereits 1904 sogenannte „Konzentrationslager“: Inspiriert von den britischen „Buren-Lagern“ in Südafrika, sollten in „Deutsch-Südwestafrika“ Ovaherero und Nama „konzentriert“ gesammelt werden. Die ersten Lager standen in Okahandja, „Windhuk“ und Swakopmund. Unterversorgung, Überbesetzung und unmenschliche Lebensbedingungen forderten tausende von Toten in den Lagern, deren Insass*innen nicht nur zu medizinischen Experimenten deutscher Ärzte missbraucht wurden, sondern auch zu schwerer körperlicher Arbeit gezwungen wurden.

Die Woermann-Reederei florierte zur Zeit des Aufstandes, und ihr Inhaber, Adolph Woermann, gilt als einer der größten Profiteure des brutalen Konfliktes in der Kolonie. Als einzige deutsche Reederei mit einer regelmäßigen Verbindung nach „Deutsch-Südwestafrika“ organisierte sie fast den kompletten Transport von militärischem Gerät und Truppen an die Kolonialregierung. 15.000 Soldaten und 11.000 Pferde wurden während des Krieges überführt, und fast alle mit den Schiffen Woermanns. Aufgrund seiner Monopolstellung konnte Adolph Woermann überhöhte Frachtkosten verlangen und soll allein durch diese umgerechnet fast 6 Millionen Reichsmark erwirtschaftet haben (heute etwas mehr als 300.000 €). Woermann profitierte jedoch nicht nur von seinen Frachtgeldern, sondern war zusätzlich ein Hauptabnehmer von Zwangsarbeit in „Deutsch-Südwestafrika“.

Schon vor der offiziellen Internierung in Konzentrationslagern 1904/1905 und direkt nach Beginn des Herero-Aufstandes im Januar 1904, wurden alle Herero in der Hafenstadt Swapokmund zusammengetrieben und auf zwei Dampfern der Woermanns, welche vor der Küste ankerten, interniert. Dort wurden sie zur Arbeit gezwungen, um sie davon abzuhalten sich dem Aufstand gegen die koloniale Unterdrückung anzuschließen.

Ab 1905 war es zivilen deutschen Kolonisator*innen möglich, Zwangsarbeiter*innen aus den Lagern zu beziehen: dazu zahlten sie eine „Kopfsteuer“ an die Kolonialverwaltung, um internierte Herero aus den Lagern abzuholen und in ihren eigenen Betrieben zur Arbeit zu zwingen. Adolph Woermann richtete sich zu diesem Zwecke und aufgrund der hohen Menge an Zwangsarbeit die von der Woermann-Linie bezogen wurde, eigene, private Lager ein. Deren Insass*innen wurden wohl unter anderem zur Hafenarbeit gezwungen. Ein Schreiben an die rheinische Mission zeigt zudem, dass Missionar*innen der Zugang zu den Arbeitsstätten verboten wurde, da die Arbeiter*innen die Zusammenkünfte bei den Gottesdiensten zur Organisation von Fluchtplänen nutzen könnten. Genauere Informationen zu den Standpunkten, den Aufgaben und den konkreten Bedingungen der für die Woermann-Linie internierten Zwangsarbeiter*innen sind leider nur schwer zu finden. Die gewaltsamen Bedingungen in anderen Arbeitslagern – „Erziehung“ zu Schwerstarbeit, Prügelstrafen und Deportation in oft tödliche Konzentrationslager wie die „Haifischinsel“ vor Swakopmund – galten wahrscheinlich auch für die Lager der Woermann-Linie. Aus dem Völkermord im damaligen „Deutsch-Südwestafrika“, der organisierten Gewalt an Ovaherero und Nama und deren Internierung unter unmenschlichen Zuständen gingen Adolph Woermann und seine Reederei als wohl größte Gewinnträger hervor.

Verkauf und Verstaatlichung

In den weiteren Jahren des frühen 20. Jahrhunderts wuchs die Konkurrenz in der Schifffahrt nach Afrika. 1907 schloss die Woermann-Linie aus diesem Grund eine Betriebsgemeinschaft mit der HAPAG Reederei. 1911 starb Adolph Woermann, und die Reederei wurde kurz von Adolphs Bruder Eduard und seinem Sohn Kurt weitergeführt, welche die Linie 1916 ganz an die HAPAG, und die Norddeutsche Lloyd verkauften. Nach der Machtübergabe an die NSDAP sollte die noch vom 1. Weltkrieg reduzierte deutsche Seeschifffahrt neu geordnet werden. Dazu verstaatlichte die NSDAP die Woermann-Anteile der HAPAG und NDL, um sie 1941 zu veräußern – sie landen in den Händen des „Führers der deutschen Seeschifffahrt“ , John T. Essberger.

Woermann“ heute

Noch bis 1980 war die Woermann-Rederei aktiv – Essberger hat diese inzwischen stillgelegt und führt nur noch die damalige Deutsche Ost-Afrika-Linie als „Deutsche Afrika-Linien GmbH & Co. KG” weiter. Doch der Name Woermann bleibt präsent: Woermann&Brock, eine noch von Adolph Woermann, seinem Bruder und seinen Schwägern gegründete Handelsgesellschaft ist heute, in Händen weiterer Woermann-Nachkommen, eine prominente Supermarktkette in Namibia. Auch das Handelsunternehmen C.Woermann, welches Adolph Woermann 1880 von seinem Vater übernahm, ist heute ein mittelständisches Import-Export unternehmen mit Standpunkten in Ghana, Namibia und Angola. Eine Stellungnahme oder eine Erwähnung der Geschichte kolonialer Ausbeutung, die in Verbindung mit dem Namen „Woermann“ steht, scheint es bis heute nicht zu geben.

Literatur:

Afrika-Hamburg.de, enstanden aus einem 14-Monatigen Kunstprojekt im öffentlichen Raum 2004-2005. www.afrika-hamburg.de.

Jeremy Sarkin-Hughes, Germany’s Genocide of the Herero. Kaiser Wilhelm II, His General, His Settlers, His Soldiers. Capetown: UCT Press, 2010

Jürgen Zimmerer, Joachim Zeller (Hg.), Völkermord in Deutsch-Südwestafrika. Der Kolonialkrieg (1904-1908) in Namibia und seine Folgen. Berlin: Ch.Links Verlag, 2004.

Casper W. Erichsen, “’The angel of death has descended violently among them’: Concentration camps and prisoners-of -war in Namibia 1904-08”. Leiden: African Studies Centre Research Report 79/ 2005.